EINE URBANE OASE

Der Umbau des Platzes an der Wallonisch-Niederländischen Kirche im Gesamtkonzept der Hanauer Innenstadtentwicklung

Interview mit Martin Bieberle, Leiter des Bereichs „Planen, Bauen, Umwelt“ der Stadt Hanau

Herr Bieberle, der Platz an der Wallonisch-Niederländischen Kirche ist nach 1,5 Jahren Bauzeit fertiggestellt. Was wurde hier geschaffen?

Eine urbane Oase nenne ich das. Der Platz verbindet die Historie unserer Stadt, repräsentiert durch die Wallonisch-Niederländische Kirche, mit unserer Zukunft, abgebildet durch das neue Wohnumfeld an der Französischen Allee. Dadurch, dass die Autos vom Platz verbannt und ein Teil der Französischen Allee zur Fußgängerzone erklärt wurde, haben wir hier eine Verkehrswende eingeleitet und uns ganz klar auf eine autofreie Zukunft ausgerichtet. Es ist neuer, moderner Wohnraum entstanden, der sich einfügt in einen Mix aus sehr gefragten Eigentumswohnungen und gefördertem Wohnungsbau der Nassauischen Heimstätte bis hin zu Bestandsgebäuden der Hanauer Baugesellschaft. Das ganze Umfeld ist sehr vielfältig geworden. Und der Platz selbst mit seinen grünen Wiesen-Terrassen und den Bäumen, die ja in ein paar Jahren noch wesentlich größer sein werden, lädt dazu ein, sich niederzulassen und einfach in unserer tollen Stadt zu leben.

Kernaufgabe des Hanauer Stadtumbaus war die Neugestaltung von fünf Plätzen. Warum hat man sich an dieser Entwicklungsachse orientiert und wie fügt sich der Platz an der Wallonisch-Niederländischen Kirche in dieses Quintett ein?

Wenn Sie den Grundriss von Hanau anschauen, dann sehen Sie, dass sich die fünf Plätze wie eine Art DNA durch die Stadt ziehen. Von der Wallonisch-Niederländischen Kirche, über den Marktplatz, dann zum Freiheitsplatz, Altstädter Markt und Schlossplatz. Diese Platzfolge wurde zur Grundlage der Ausschreibung „Wettbewerblicher Dialog“. Die Plätze haben wir wegen ihrer Einmaligkeit und Bedeutung für unsere Stadt in den Fokus aller Bemühungen gestellt. Der Platz an der Wallonisch-Niederländischen Kirche und die Französische Allee sind wesentliche Bausteine in der Innenstadtentwicklung. Hier wurde alte Nachkriegssubstanz abgerissen, neue moderne Wohnsubstanz wurde gebaut. Wie auch bei den anderen vier Plätzen war es oberstes Ziel, diese Räume von ihrer Rolle als Parkplätze zu befreien und sie den Menschen zurückzugeben. Die Fertigstellung des Platzes an der Wallonisch-Niederländischen Kirche ist ein wichtiger Meilenstein in der Fertigstellung des Stadtumbaus.

Die Stadt Hanau hat seit dem Startschuss des „Wettbewerblichen Dialogs“ im Jahr 2008 eine unvergleichliche Entwicklung durchgemacht. Welches Gesamtbild ergeben die vier schon fertigen Plätze? Der Schlossplatz folgt ja nun als letzter.

Wenn man mal geistig in Hanau spazieren geht, haben wir durch die Aufwertung  dieser Plätze die Aufenthaltsqualität, das heißt die Qualität des Einkaufens, des Arbeitens, des kulturellen Beisammenseins in der Innenstadt immens verbessert. Die fertigen Plätze stärken die DNA unserer Stadt – als Verbund, aber auch jeder einzeln. Es geht aber immer nicht nur um die Plätze an sich, sondern diese korrespondieren und atmen mit all dem, was um sie herum ist. An der Wallonisch-Niederländischen Kirche bilden der Platz selbst, die Wohnbebauung ringsherum, die Kirche als zentrales Element und Claus Burys neues Kunstwerk „Neustadtplan“ ein Gesamtkunstwerk.

Ein Vergleich: Welche Bedeutung hatte der Platz an der Wallonisch-Niederländischen Kirche für die Hanauer Innenstadt vor dem Umbau und welche Bedeutung hat er jetzt?

Vor 1,5 Jahren hatte der Platz kaum mehr Bedeutung, sondern im Kern nur noch eine Funktion: Parkplatz. Bedeutung hat sich nur durch die Wallonisch-Niederländische Kirche ergeben, die eben als Gebäude Strahlkraft hat. Nur im Frühling hat vielleicht die Kirschblüte für einen Moment vergessen lassen, dass hier eigentlich nur ein trauriger Parkplatz war.

Jetzt haben wir dem Platz eine Bedeutung als Ort für die Menschen zurückgegeben, die sich hier endlich wieder aufhalten können. Und er kann auch viel mehr wirken als Symbol für die Geschichte, Gegenwart und Zukunft Hanaus. Mit dem „Neustadtplan“ von Claus Bury hat ein würdiges Denkmal für die Geschichte der Stadt Hanau sein Zuhause auf dem Platz gefunden.

Bürgerbeteiligung war stets zentrales Element im Hanauer Stadtumbau. Wie groß war das Interesse an der Umgestaltung der Französischen Allee und dem Platz an der Wallonisch-Niederländischen Kirche?

Zu Beginn der Planungen und in der Gestaltungsphase lag der Fokus des öffentlichen Interesses sehr auf der Gestaltung der Wohnhäuser um den Platz herum. Ein Thema zu dem es verständlicherweise die ein oder andere hitzige Diskussion gab. Wobei man auch sagen muss, dass mit allen Mietern und Mieterinnen vor Ort hoch verantwortlich umgegangen worden ist.

Die Gestaltung des Platzes ist eigentlich erst im Vorfeld der Realisierung in den Fokus gerückt. Es wurden Bürgerwochenenden veranstaltet, an denen sich die Bürger und Bürgerinnen mit den Vorschlägen und Planungen auseinandersetzen konnten. Interessanterweise stand nicht im Blickpunkt, welche planerische Version denn nun die bessere sei, darüber kann man ja immer viel diskutieren. Sondern die Diskussion wurde weitestgehend auf die Frage reduziert: Wie viele Autos stehen in Zukunft auf dem Platz?

Parkplätze und Grünflächen sind notwendige Elemente in einer Stadt. Wie wägt man zwischen diesen beiden Faktoren ab?

In der Grundplanung wurde festgelegt – und da mussten wir dann auch durch, sonst bleibt man ja stecken –, dass der Platz kein Parkplatz mehr sein sollte. Wir haben uns dann auf einen Kompromiss geeinigt. Es wurden an drei Seiten der Französischen Allee und in den weiteren umliegenden Straßen eine relevante Anzahl von Kurzzeitparkplätzen für den Wochenmarkt angelegt. Die umliegenden Wohnhäuser sind im Übrigen mit Anwohnerparkplätzen und Tiefgaragenstellplätzen versorgt. Den Platz selbst haben wir aber konsequent autofrei gestaltet. Ich darf daran erinnern, dass auch der Marktplatz in den 1960er Jahren ein Parkplatz war. Heute undenkbar, oder? Das ist schon ein Erlebnis, wenn alle Autos plötzlich weg sind und man steht auf einem eigentlich wunderschönen Platz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden gibt, der an dieser Stelle gesagt hätte: „Wie schade, dass das hier jetzt kein riesiger Parkplatz mehr ist.“

Wie wichtig war es, den Platz an der Wallonisch-Niederländischen Kirche fit für die Zukunft zu machen?

Genauso wie man sich mit technologischen Neuerungen beispielsweise im Straßenbau auseinandersetzen muss, muss es Standard sein, dass man die unstreitigen Veränderungen klimatischer Bedingungen in technische Lösungen einbezieht. Bäume müssen heute nach anderen Kriterien ausgesucht werden als früher. Durch Bewässerungssysteme mit Regenwasserspeisung muss die Möglichkeit geschaffen werden, dass Pflanzen gedeihen können. Die Funktion dieses Platzes ist auch, mitten in der Stadt eine kleine Oase zu bilden und zum Beispiel zur Abkühlung beizutragen – das erreichen wir durch die Begrünung und durch den hellen Asphalt. Dieser Aufwand muss für unser aller Zukunft in dieser Stadt betrieben werden. Da gibt es kein Fragezeichen, das muss so sein.

 

Wie wichtig ist es, bei aller Modernisierung einer Innenstadt auch an ihre Geschichte zu erinnern und dieser Raum zu geben?

Plätze sind die Elemente, die in einer Stadt am meisten Identität stiften können. Ganz besonders auf dem Platz an der Wallonisch-Niederländischen Kirche wird unsere Geschichte dokumentiert und aufgezeigt, woher wir kommen. Es ist natürlich sehr wichtig, dass der Platz diesen Ausdruck beibehält. Wenn nicht die Plätze, was dann? So haben wir es im Übrigen auch am Marktplatz gehandhabt. Hier steht die Statue der Brüder Grimm für die Tradition der Stadt, am Freiheitsplatz wurden archäologische Funde ins Gesamtbild eingearbeitet, am Altstädter Markt stehen der Brunnen und das Goldschmiedehaus für die Hanauer Historie. Plätze müssen auch ein Stück weit das Archiv der Stadt sein.

 

Ist so ein Platz jemals wirklich fertig oder bleibt er doch immer in Bewegung?

So ein Platz ist zusammen mit der Bebauung und den Straßen ringsherum schon ein statisches Gesamtensemble. Die Konstellation, die wir hier jetzt erschaffen haben, soll für die nächsten hoffentlich mindestens 100 Jahre stehen und halten. Bewegung und Dynamik kommt durch die Menschen rein, für die der Platz gemacht ist. Denn die verändern sich, die kommen und gehen. Es kann natürlich auch sein, dass schon in 20 Jahren niemand mehr mit einem Auto um den Platz herumfahren wird – und es wird unwirklich erscheinen, dass es überhaupt jemals anders war.

 

Welches Feedback erhoffen Sie sich von den Bewohnern und Besuchern der Französischen Allee und des Platzes an der Wallonisch-Niederländischen Kirche?

Bei den Plätzen ist es immer so: Im Vorfeld werden viele Ziele, Gedanken und Visionen formuliert, dann eröffnet man den Platz und es wird ganz praktisch mit den Füßen abgestimmt. Ich hoffe einfach, dass die Menschen sich dort aufhalten werden, sich ins Gras setzen, sich treffen, sich ausruhen und vielleicht ein Buch lesen. Ich hoffe, dass die Menschen den Platz für sich besetzen. Denn er gehört ihnen.

MARTIN BIEBERLE

Diplom-Verwaltungswirt Martin Bieberle leitet die Fachbereiche „Personal, Organisation, Kommunikation“ und „Planen, Bauen und Umwelt“ bei der Stadt Hanau.  Zudem ist er Geschäftsführer der Hanau Marketing GmbH (HMG) und Geschäftsführer der BAUprojekt Hanau GmbH.  Als Projektleiter begleitete er das wettbewerbliche Dialogverfahren zum Umbau der Hanauer Innenstadt vom ersten Moment an.

HANAU ALS VORREITER

Wettbewerblicher Dialog in Hanau

Im Jahr 2008 erfolgte der Startschuss für den sogenannten „Wettbewerblichen Dialog“ und damit für die Entwicklung der Hanauer Innenstadt. Das Hanauer Stadtparlament entschied sich mit dem „Wettbewerblichen Dialog“ für ein Vergabeverfahren, das seit 2005 im EU-Recht verankert ist, aber noch nie von einer deutschen Kommune angewendet wurde.

Ein etwa 80 Hektar umfassendes Gebiet wurde zur Um- und Neugestaltung ausgeschrieben. Für Hanaus fünf wichtigste Plätze – Schlossplatz, Altstädter Markt, Freiheitsplatz, Neustädter Markt, Wallonisch-Niederländische Kirche und die jeweils umliegenden Straßen – sollten Gesamtkonzepte vorgelegt werden, die die Hanauer Historie berücksichtigen und gleichzeitig die Stadt wirtschaftlich und nachhaltig entwickeln sollten. Acht Investoren legten ihre Vorschläge für Einzelhandel, Kultur, Gastronomie, Sanierung und Neubau von Wohnhäusern, Verkehrskonzepte und zur Aufwertung öffentlicher Räume vor. Nachdem bereits vier Investoren ausgeschieden waren, wurden die restlichen Vorschläge der Öffentlichkeit zur Debatte gestellt.  Die Bürger sollten sich aktiv einbringen, dazu veranstaltete man Bürgerwochenenden, führte Gespräche mit kleineren Gruppen und Verbänden.

Im Vergabeverfahren setzte sich schließlich die Hanseatische Betreuungs- und Beteiligungsgesellschaft (HBB) durch und setzte über die nächsten Jahre gemeinsam mit seinen Partnern eine Summe von 600 Millionen Euro um.

Durch die Anwendung des „Wettbewerblichen Dialogs“ hat sich Hanau auf neues Terrain begeben, das auch viele weitere Kommunen in Hessen und ganz Deutschland inspiriert hat. Die Hanauer haben sich gemeinschaftlich in Aufbruchstimmung versetzt und über mehr als zehn Jahre hinweg Unglaubliches geleistet. Mit dem Platz an der Wallonisch-Niederländischen Kirche konnte im September 2020 ein weiteres Puzzleteil in das moderne und doch stets seiner Geschichte zugewandte Hanauer Innenstadtbild eingefügt werden.

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